Pressemitteilung zum IDAHOT* 2014

1990 wurde Homosexualität von der Weltgesundheitsorganisation als Diagnose aus dem ICD gestrichen und nicht weiter als Krankheit erfasst. Seit 2004 wird dieses Ereignis jährlich mit dem „International Day Against Homophobia” (IDAHO) bzw. als IDAHOT* oder IDAHI*T*(Wobei das T* für trans- und das I* für intergeschlechtlich steht) zelebriert. Doch rechtliche Verbesserungen schaffen nicht automatisch gesellschaftliche Akzeptanz. So ist z.B. Transsexualität weiterhin als eine „Identitätsstörung“ im ICD aufgeführt und den diesjährigen Demonstrationen gegen den „Bildungsplan 2015“ schließen sich Menschen an, die ihren homophoben Positionen Luft machen wollen. Dies sind nur zwei Beispiele unter vielen. Fehlende Inklusion und Repräsentation von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, sowie Gewalttaten, die auf Homo-, Trans- bzw. Interfeindlichkeit zurückzuführen sind, sind andauernde gesamtgesellschaftliche Probleme in Deutschland.

Mit dem Bildungsplan 2015 wird ein Versuch gemacht, einen Ansatz der Erziehung zur Akzeptanz gesetzlich zu verankern. Wir sehen dies als einen großen Schritt und bedauern, feststellen zu müssen, dass in den Diskussionen um den Bildungsplan Stimmen laut wurden, die die Abbildung der vielfältigen Lebensrealitäten als die Verbreitung einer Ideologie von Minderheiten verstehen.

Die Initiative Intersektionale Pädagogik (i-PÄD) fordert, dass verschiedene Lebensrealitäten auch in der pädagogischen Arbeit repräsentiert werden sollen, damit Kinder sich in den Lehrmaterialien wiederfinden und ihr Leben und das Leben anderer als Normalität wahrnehmen können. i-PÄD befürwortet eine allgemeine Sensibilisierung gegenüber Gewalt und Diskriminierungen. Mit verschiedenen Lebensrealitäten sind demnach auch gemeint: das Leben mit/ohne Behinderungen und chronischen Krankheiten, verschiedenen Lebensalter, Weltanschauungen, Sprachen, Herkunft, sozialen Status, Geschlecht und Geschlechtsidentitäten usw.

Jeder Mensch hat eine Geschlechtsidentität, die mit gesellschaftlichen Erwartungen belegt ist. Wir alle unterliegen Zwängen – einige Menschen gehen konform und merken sie deswegen nicht.

Jeder Mensch hat eine Weltanschauung. Vielleicht entspricht sie zu dieser Zeit an diesem Ort einer dominanten Überzeugung und wird deswegen als „neutral“ wahrgenommen.

Jeder Körper eines Menschen ist anders und in seiner Individualität besonders. Viele erleben die gesellschaftlichen Ideal- und Normvorstellungen von Aussehen und Geschlecht als Einschränkung und nicht als Bereicherung.

Jeder Mensch hat ein Lebensalter und wird Zeit seines Lebens Diskriminierung als „zu jung“ oder „zu alt“ erfahren.

Nur weil wir Diskriminierung nicht wahrnehmen, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt. Es gibt keine neutralen Menschen! Diskriminierung ist ein Thema, was alle Menschen angeht! Die Vielfalt der derzeitigen Lebensrealitäten darzustellen, hat etwas mit einer Erziehung zur Akzeptanz zu tun.

Die momentane Situation des Bildungssystems entspricht einer ideologischen Erziehung, in der es darum geht, ein dominantes Weltbild zu vermitteln, dass sich auf das Idealbild einer heterosexuellen Kleinfamilie bezieht, das laut statistischen Bundesamt schon seit den 1950er Jahren nicht mehr der Realität entspricht. „Patchwork-“ und „Regenbogenfamilien“, aber auch viele „Alleinerziehende“ beschreiben die derzeitige Lebensrealität vieler Menschen. Kaum ein Kind lebt in einer Familie, die dem gesellschaftlichen Ideal einer lebenslangen Eheschließung eines heterosexuellen Ehepaares entspricht. Trotz der Ferne zur Realität, wird Kindern durch Lehrkräfte und Lehrmaterialien gezeigt, dass das „normale“ Beziehungsmodell weiterhin Mutter-Vater-Kind ist, dass die Familie Yilmaz immer Obst verkauft, anstatt eine Arztpraxis zu leiten, und die spielenden Kinder auf dem Hof sich zu Fuß und nicht mit Rollstuhl fortbewegen. Jede Form von Äußerung und Darstellung ist eine Form von Erziehung. Tagtäglich findet Erziehung überall statt.

Wir fordern, dass sich pädagogische Fachkräfte, in Bezug auf alle Diskriminierungsformen fortbilden und sich mit Gewaltprävention beschäftigen. Wir fordern von Erziehungsberechtigten und Bezugspersonen, Kinder auch nach der Schule zur Akzeptanz zu erziehen und sich für die Vielfalt der Gesellschaft auszusprechen. Wir fordern Lehrmaterialien, in dem Homo-, Trans* und Inter*-Sexualität kein Sonderthema ist, sondern ein fester Bestandteil der dargestellten Beziehungskonstellationen, in denen verschiedene Lebensrealitäten gleichberechtigt eine aktive Rolle einnehmen und nicht zum einmaligen Studieninhalt werden. Wir fordern keine Lippenbekenntnisse, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Diskriminierung – trotz der Verankerung im Bildungsplan werden Ausschlüsse weiterhin stattfinden, wenn nicht eine tiefgreifende Veränderung stattfindet.

Darüber hinaus appellieren wir an die Regierung, die Pathologisierung und Stigmatisierung von Trans* und Inter*-Menschen zu beenden. Jegliche Beziehungskonstellationen, die eine rechtliche Anerkennung wünschen, sollen diese gleichberechtigt mit der heterosexuellen Ehe auf juristischer, institutioneller und staatlicher Ebene bekommen.

Die Initiative Intersektionale Pädagogik (i-PÄD) arbeitet mit dem Grundsatz, dass alle Identitäten wertvoll sind und es verdienen positiv repräsentiert zu werden. Wir wollen Kindern und Jugendlichen schon in ihren ersten Lebensjahren ein stabiles Selbstwertgefühl ermöglichen. Wir geben Trainings für angehende Erzieher_innen und Sozialarbeiter_innen, sowie Menschen, die bereits in sozialen Berufen tätig sind, um ihnen Werkzeuge anzubieten, mit denen sie ihr Gegenüber in ihrer Entwicklung unterstützen können und zur mehr Akzeptanz von Vielfalt zu erziehen.